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Wissenslücken

Kaputte Tastatur
Warum werden einige Forschungsfragen nicht untersucht? (Bild: Uwe Niklas)

Die Wissenschaft ist frei. Frei, jede Forschungsfrage zu untersuchen, die sich stellt. Dennoch erblicken einige Antworten auf Fragestellungen nie das Licht der Welt. Warum? Eine Spurensuche.

von Jon Leefmann

Wer zum ersten Mal eine wissenschaftliche Bibliothek betritt, ist in der Regel überfordert: So viele Fragen haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bereits gestellt, so viele Antworten bereits gegeben! Und das publizierte Wissen in den Regalen wird täglich mehr: Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass sich die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen weltweit etwa alle neun Jahre verdoppelt, und dieser Zuwachs dürfte bei sehr intensiv beforschten Gebieten noch weit höher liegen.

Bei genauerer Betrachtung fällt aber auf, dass das in der Bibliothek vorhandene Wissen ungleich auf verschiedene Wissensgebiete verteilt ist. Wie kann das sein? Haben Bibliothekarinnen und Bibliothekare einseitige Vorlieben? Eine näherliegende Erklärung ist, dass manche Forschungsfragen keine Lobby haben. Wer oder was bestimmt darüber, ob ein Forschungsthema florieren kann, ums Überleben kämpfen muss oder sogar ganz verschwindet?

Politisch (un-)erwünscht

Es gibt Forschungsfragen, die zu einem gegebenen Zeitpunkt wenig Aussicht auf finanzielle Förderung haben, weil sie von politischen Entscheidungsgremien als nicht relevant genug betrachtet werden. Dies kann etwa Pionierarbeiten betreffen, die ihrer Zeit voraus sind oder die an zentralen Annahmen etablierter Forschungsfelder rütteln – man denke zum Beispiel an die in den 1990er-Jahren noch ausgesprochen unpopuläre Epigenetik. Aber auch Themen, die innerhalb eines Fachgebiets lange etabliert, jedoch aus der Mode gekommen sind, wie beispielsweise die funktionelle Morphologie in der Biologie, fallen darunter. Da die Verteilung von Steuergeldern für die Forschung von dazu autorisierten Gremien verantwortet wird, die sich zum großen Teil aus der Scientific Community selbst rekrutieren, wird der Wissenschaft bei der Entscheidung über Forschungsthemen ein erhebliches Mitspracherecht eingeräumt. Dass Fachleute in der Regel am besten beurteilen können, ob ein vorgeschlagenes Forschungsprojekt originell ist und Aussicht auf Erfolg hat, bedeutet allerdings nicht, dass sie sich in ihren Urteilen häufig einig sind. Ob ein Projekt gefördert wird oder nicht, hängt oft auch davon ab, welche Fachexpertinnen und -experten sich mit ihrer Sichtweise durchsetzen. Gleichzeitig gibt es politische Rahmenrichtlinien wie beispielsweise das aktuelle EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation Horizon 2020, in denen der Forschung Schwerpunktthemen vorgegeben werden, die sich meist an aktuellen ökonomischen, ökologischen und sozialen Problemen orientieren. Auch themengebundene Ausschreibungen sind ein viel genutztes Mittel der Politik, um Forschungen zu gesellschaftlich wichtigen Themen attraktiv zu machen. Es liegt in der Natur politischer Regulation, dass nicht alle Forschungsthemen in gleichem Maße von dieser Art der Förderung profitieren können. Das hat seit Längerem insbesondere für klassische geisteswissenschaftliche Fächer Konsequenzen, die von den Förderungsmöglichkeiten für medizinische und technische, aber auch für viele natur- und sozialwissenschaftliche Fächer nur träumen können.

Computertastatur mit fehlenden Tasten

(Bild: Uwe Niklas)

Wirtschaftlich nutzbar

Während forschungspolitische Ansätze vornehmlich versuchen, die Bearbeitung bestimmter Themen für Forschende attraktiver zu machen, gibt es auch Umstände, die den Anreiz zum Bearbeiten mancher Forschungsthemen eher senken – beispielsweise die Forderung, Forschungsergebnisse sollten in Form von Patenten oder Produkten vermarktbar sein. Dies spielt zwar teilweise auch in politischen Rahmenrichtlinien eine wichtige Rolle. Wichtiger noch ist sie aber in der anwendungsorientierten Forschung gewinnorientierter Unternehmen. Hier hängt die Entscheidung für oder gegen ein Forschungsprojekt immer vom erwarteten Mehrwert der Ergebnisse für die Entwicklung eines vermarktbaren Produktes ab. Was nicht vermarktbar erscheint, wird auch nicht erforscht. Ein bekanntes Dilemma sind dabei Forschungen, die sozial einerseits hochgradig erwünscht sind, sich finanziell für die Unternehmen aber nicht lohnen. Daneben können ökonomische Interessen aber natürlich auch dazu führen, bestimmte Bereiche der Forschung attraktiver zu machen. Auch die Forschungspolitik ist ein Feld von Lobbyismus, in dem Unternehmen für den Ausbau bestimmter Bereiche an öffentlichen Forschungsinstitutionen werben, weil sie selbst davon in Form von gut ausgebildetem Personal, originellen Ideen oder Fortschritten in der Grundlagenforschung profitieren.

Reflektiert

Dr. Jon Leefmann forscht am Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikationen (ZiWiS) der FAU. Als zentrale wissenschaftliche Einrichtung übernimmt das ZiWiS Aufgaben in Forschung und Lehre für die gesamte Universität. Wie der Name vermuten lässt, widmet sich das Institut im Bereich der Forschung der Wissenschaftsreflexion. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschäftigen sich mit grundsätzlichen Fragen zur Bedeutung der Rolle, die Forschung in der Gesellschaft spielt, zu den Mechanismen ihrer Erkenntnisgewinnung und der Bedeutung ihrer Ergebnisse.

Ethisch und rechtlich problematisch

Nicht alle Einflussfaktoren bewirken lediglich, dass ein Forschungsthema etwas mehr oder etwas weniger attraktiv wird. Verletzen Forschungsaktivitäten durch Grundrechte geschützte Güter, besteht die Möglichkeit, klare Linien zu ziehen und diese Forschungen zu untersagen. Allerdings ist die Forschungsfreiheit ein in der Verfassung verankertes Grundrecht, das nicht ohne Weiteres eingeschränkt werden darf. Beispielsweise sind Einschränkungen möglich, wenn die Gefahr besteht, dass durch Forschungen Persönlichkeitsrechte oder die Menschenwürde verletzt werden. Experimente am Menschen sind unzulässig, wenn diese einer Teilnahme als Forschungsobjekte nicht explizit und in informierter Weise zugestimmt haben. Ähnliche Wirkungen wie gesetzliche Verbote können auch ethische Selbstverpflichtungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern beziehungsweise Forschungsinstitutionen haben. Moratorien für bestimmte Forschungen wie beispielsweise im Bereich der Editierung des Humangenoms oder auch Zivilklauseln, die militärische Forschung an öffentlichen Forschungseinrichtungen beschränken sollen, können von der Gesellschaft unerwünschte Forschung unterbinden (in diesem Fall sind die Sanktionsmöglichkeiten gegenüber Verstößen jedoch deutlich eingeschränkt). Dennoch sollte der Einfluss von Gesetzen und ethischen Leitlinien nicht zu schwach bewertet werden. Ob ein Forschungsthema in das Licht wissenschaftlicher Aufklärung gelangt, hängt in nicht geringem Maße von ihnen ab.

Lose Computertasten

(Bild: Uwe Niklas)

Gesellschaftlich (un-)erwünscht

Ein letzter nicht zu vernachlässigender Faktor für die ungleiche Verteilung von Wissensbeständen ist die Zivilgesellschaft. Insofern sie in demokratischen Staaten über Forschungspolitik der Regierung durch Wahlen mitentscheidet, hat sie ohnehin einen mittelbaren Einfluss auf die Bedingungen von Forschung. Ungleich größer und direkter ist er, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu gesellschaftlich kontroversen Themen forschen. Allerdings zeigt sich an diesen Themen auch die Ambivalenz dieses Einflusses: Zivilgesellschaftliche Gruppen wie Betroffenenverbände, Umwelt- und Tierschutzorganisationen oder Parteien und Kirchen treten häufig als Wortführende in gesellschaftlichen Debatten in Erscheinung, in denen es auch um Praxis und Folgen wissenschaftlicher Forschungsprogramme geht. Je nach Interessenlage und diskursiver Durchsetzungsfähigkeit kann ihr Einfluss die Durchführung eines Forschungsprojekts erleichtern oder verhindern. In jedem Fall befördert er strittige Projekte in das Licht der Öffentlichkeit. Zivilgesellschaftlichen Gruppen geht es fast nie um die Frage, ob die Ergebnisse, die in den strittigen Projekten gewonnen werden, richtig sind oder nicht, sondern um die Frage, ob diese es, alles in allem betrachtet, wert sind, erzeugt und gewusst zu werden. Die Debatten um Freilandversuche mit gentechnisch verändertem Saatgut oder neurophysiologische Experimente an Primaten sind dafür beispielhafte Konflikte. In beiden Fällen haben Aktivistinnen und Aktivisten die Erforschung bestimmter Fragen verhindert, indem sie teilweise durch Verbreitung falscher Tatsachen politische Entscheidungen erwirkten, die auf absehbare Zeit zur Einstellung der kritisierten Forschungen führten. Problematische Formen des Aktivismus sollten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass zivilgesellschaftliche Einflüsse auch wichtige Impulse für neue Forschungsaktivitäten geben können. Es gibt Projekte in der Medizin, die ohne das Engagement von Betroffenenorganisationen genauso wenig möglich wären wie Forschungen zur diskriminierenden Funktion von Geschlechtszuschreibungen ohne das Engagement der davon betroffenen Personen.

Darüber, welches Wissen das Licht der Welt erblickt und damit Nutzern in den Bibliotheken zur Verfügung steht, entscheiden also nicht allein Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Politische, ökonomische, rechtliche und gesellschaftliche Einflüsse haben bestimmt, was zum Sammeln überhaupt zur Verfügung stand, und damit auch, was in den Wissenschaften ungesagt, weil unerforscht geblieben ist. Die eigentliche wissenschaftliche Debatte beginnt aber erst, wenn wir ein Buch aus dem Regal nehmen, es kritisch lesen und mit unseren eigenen Überlegungen konfrontieren. Bleibt also die Frage, welchen Effekt die genannten Einflüsse auf die Inhalte der tatsächlich geschriebenen Bücher haben: Gibt es Überlegungen und Argumente, die im wissenschaftlichen Diskurs nicht geäußert werden, obwohl sie gedacht und für wahr gehalten werden?

Über den Autor

Jon Leefmann forscht seit 2016 an der FAU am Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikationen (ZiWiS). Dort beschäftigt er sich mit Wissenschaftstheorie und -ethik der Neurowissenschaften sowie sozialer Erkenntnistheorie.


FAU-Forschungsmagazin friedrich

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